Gesundheit

Warum steigt der LDL-Cholesterinwert bei Keto? Das Lean-Mass-Hyper-Responder-Phänomen

9 Min. Lesezeit · Forschungsüberblick · 22. September 2026

Manche Menschen beginnen mit Keto und sehen ein paar Monate später einen LDL-Wert von 250-300 mg/dL im Blutbild. Oft sind das schlanke, sportliche Personen mit normalem Blutzucker und Blutdruck — sie passen überhaupt nicht ins übliche Risikobild. Viele Ärzte raten beim Anblick dieser Werte sofort zum Diätabbruch. Doch die Forschung zu genau diesem Phänotyp zeigt in den letzten Jahren ein differenzierteres Bild — und geht über die Vereinfachung "große LDL-Partikel sind harmlos" aus unserem Artikel über Blutwerte bei Keto hinaus.

Dieser Artikel ist keine medizinische Beratung, sondern eine Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstands. Ist Ihr LDL bei Keto deutlich gestiegen, entscheiden Sie nicht allein — sprechen Sie mit Ihrem Arzt.

Was ist ein Lean Mass Hyper-Responder (LMHR)?

Der Begriff stammt vom Forscher Dave Feldman und der Citizen Science Foundation. Die Definition beruht auf drei Schwellenwerten unter Keto/Low-Carb: LDL-Cholesterin ≥200 mg/dL, HDL-Cholesterin ≥80 mg/dL und Triglyceride ≤70 mg/dL. Dieses Profil findet sich besonders bei schlanken, stoffwechselgesunden Menschen mit niedrigem Triglycerid-HDL-Verhältnis. Als Mechanismus wird das "Lipid Energy Model" vorgeschlagen: Bei Low-Carb transportiert die Leber Fett über VLDL/LDL-Partikel zu den Geweben, und dieser Transport ist bei schlanken Personen mit hoher Fettoxidation ausgeprägter. Das Modell ist umstritten und für sich genommen kein Beweis.

2024: Was fand die KETO-Studie?

Die 2024 in JACC: Advances veröffentlichte KETO-Studie (Budoff et al.) verglich 80 LMHR-/Nah-LMHR-Personen mit LDL ≥190 mg/dL mit einer nach Alter, Geschlecht, Ethnizität, Blutdruck und Rauchstatus abgeglichenen Kontrollgruppe aus der Miami-Heart-Kohorte mit deutlich niedrigerem LDL. Die Teilnehmer waren im Schnitt seit 4,7 Jahren auf Keto. Das Ergebnis war bemerkenswert: In der CT-Koronarangiographie zeigte die LMHR-Gruppe keine höhere Plaquelast als die Kontrollgruppe mit viel niedrigerem LDL. Das wurde als teilweise Stütze für die Idee gelesen, dass nicht jedes hohe LDL dasselbe Risiko trägt.

2025-2026: Die Folgestudie und ihr Rückzug

Dasselbe Team führte anschließend eine einjährige Folgestudie (KETO-CTA) durch und verfolgte LMHR-/Nah-LMHR-Personen erneut per CT-Angiographie. Die 2025 veröffentlichten Ergebnisse berichteten einen relativen jährlichen Anstieg des weichen (nicht verkalkten) Plaquevolumens von rund 50 % — etwa 2,5-mal mehr, als die Forscher ursprünglich erwartet hatten, und nach manchen Lesarten schneller als die Progression bei Menschen mit metabolischem Syndrom. Das Paper wurde jedoch mit der Überschrift veröffentlicht, dass "vergangene Plaque zukünftige Plaque vorhersagt, ApoB aber nicht" — ohne dieses vorregistrierte Hauptergebnis ausreichend zu behandeln. Diese Darstellung stieß auf Kritik.

2026 kam ein Problem bei der Bildauswertung ans Licht. Sowohl Autoren als auch Herausgeber der Zeitschrift waren sich einig, dass der Fehler zu gravierend für eine einfache Korrektur war: Das Paper wurde zurückgezogen (retracted). Übrig bleibt eine Studie, die einen Plaque-Zuwachs berichtete, aber jetzt von der Zeitschrift als unzuverlässig markiert ist — auch wenn sie online weiterhin in ihrer ursprünglichen Form geteilt wird.

Wie ist die Lage wirklich?

Die ehrliche Antwort: noch nicht endgültig geklärt. Die 2024er Studie fand bei LMHR-Personen nach durchschnittlich ~5 Jahren Keto keine übermäßige Plaque — ein beruhigendes Signal. Das bedeutet aber nicht "LDL ist egal, egal wie hoch" — die Stichprobe war klein (80 Personen) und die Nachbeobachtungszeit begrenzt, um lebenslanges Risiko zu beurteilen. Die 2025er Folgestudie deutete in die andere Richtung, wurde aber wegen eines Methodenfehlers zurückgezogen — die Daten gelten damit nicht mehr als verlässlich, was aber nicht heißt, dass die zugrunde liegende Frage nie aufgeworfen wurde. Unter Forschern im Feld gibt es weiterhin unterschiedliche Meinungen.

Wer sollte besonders vorsichtig sein?

Was sollten Sie tun?

Ist Ihr LDL bei Keto deutlich gestiegen, ist der erste Schritt nicht Panik und Diätabbruch — aber auch nicht die Selbstdiagnose "Ich bin LMHR, also ist alles gut". Klären Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt: Familiengeschichte durchgehen, ggf. ApoB oder Lipoprotein(a) bestimmen lassen, Bildgebung wie Koronarkalk-Score (CAC) oder CT-Angiographie besprechen. Manche Ärzte lassen Patienten mit passendem LMHR-Profil die Diät mit regelmäßiger Bildgebungskontrolle fortsetzen, andere raten zu einer vorsichtigeren Ernährungsumstellung. Beide Ansätze haben Befürworter in der Literatur — die Entscheidung sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt anhand der Daten und Ihres eigenen Risikoprofils treffen.

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