Gesundheit

Wie wirkt sich Keto auf die Schilddrüse aus? Hashimoto und T3 im Blick der Forschung

9 Min. Lesezeit · Gesundheits-Guide · 4. Oktober 2026

"Ich habe eine Schilddrüsenerkrankung — kann ich Keto machen?" ist eine Frage, die vor allem von Frauen kommt, denn Schilddrüsenerkrankungen treten bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern — und dazu kommt die Sorge, dass Kohlenhydratreduktion das Hormongleichgewicht weiter aus der Bahn wirft. Die Realität hat mehr Schichten als diese Angst vermuten lässt: Eine niedrige Kohlenhydratzufuhr hat tatsächlich einen messbaren Effekt auf die Schilddrüsenhormonproduktion — aber eine neue Studie fand auch einen unerwartet positiven Effekt auf die Entzündung, die Hashimoto zugrunde liegt. Hier behandeln wir beides getrennt, statt es zu vermischen.

Sehr wenig Kohlenhydrate können T3 senken — ein seit 50 Jahren bekannter Befund. Aber eine 2025 veröffentlichte Studie fand, dass wenig Kohlenhydrate auch die Entzündungsmarker bei Hashimoto senkten. Beides kann gleichzeitig stimmen, und wo die Balance liegt, ist individuell verschieden.

Kohlenhydrate und T3: Ein halbes Jahrhundert alter Befund

Die Schilddrüse produziert T4 (Thyroxin), aber den eigentlichen Großteil der Arbeit im Körper leistet T3 (Triiodthyronin) — und die Umwandlung von T4 zu T3 reagiert empfindlich auf die Kohlenhydratzufuhr. Das ist keine neue Entdeckung: Eine klassische Studie, veröffentlicht 1976 im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, setzte übergewichtige Teilnehmer vollständigem Fasten (7-18 Tage) und 800-Kalorien-Diäten mit unterschiedlichem Kohlenhydratanteil aus. Beim vollständigen Fasten sank das Serum-T3 im Schnitt um 53 %, begleitet von einem gegenläufigen Anstieg des reversen T3 (rT3 — ein funktionsloses Stoffwechselprodukt) um 58 %. Bei einer kohlenhydratfreien 800-Kalorien-Diät sank T3 nach 2 Wochen ähnlich stark, um etwa 47 %, diesmal jedoch ohne signifikanten Anstieg von rT3 über die Zeit. Bei isokalorischen Diäten mit mindestens 50 Gramm Kohlenhydraten pro Tag zeigte sich dagegen keine signifikante Veränderung von T3 oder rT3.

Die Bedingungen dieser Studie (Fasten oder eine extrem kalorienarme 800-Kalorien-Diät) sind härter als eine im Alltag bis zur Sättigung gegessene Keto-Diät. Die grundsätzliche Botschaft bleibt aber bestehen: Der Körper besitzt einen Anpassungsmechanismus, der die T3-Produktion zur Energieeinsparung herunterfährt, wenn die Kohlenhydrat- (und manchmal die Gesamtkalorien-)Zufuhr sinkt, und diese Schwelle liegt meist irgendwo um die 50 Gramm Kohlenhydrate pro Tag. Der Standardplan von KetoDiyetim zielt auf 20-25 Gramm Nettokohlenhydrate pro Tag — also unterhalb dieser Schwelle. Das heißt nicht, dass Keto schädlich ist; es heißt, dass die Schilddrüsenfunktion dabei im Blick behalten werden sollte.

TSH bleibt meist ruhig — das kann eine Falle sein

Der verwirrendste Punkt dabei: Während T3 sinkt, bleibt TSH (das schilddrüsenstimulierende Hormon) meist im Normalbereich. Ein Standard-Schilddrüsencheck prüft oft nur TSH; ist der Wert normal, gilt die Schilddrüse als "in Ordnung", obwohl das freie T3 gesunken sein kann. Deshalb bekommt, wer eine Schilddrüsenerkrankung in der Vorgeschichte hat oder bei Keto Energielosigkeit, Kälteempfinden oder Haarausfall bemerkt, ein verlässlicheres Bild, wenn neben TSH auch freies T3 und freies T4 gemessen werden.

Der neue Befund zu Hashimoto: Entzündung kann sinken

Die andere Seite der Medaille stammt aus einer Mitte 2025 in Medical Science Monitor veröffentlichten Studie. Forscher teilten 40 Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen: Eine behielt ihre normale Ernährung bei, die andere wechselte zu einer kohlenhydratarmen Diät. Nach sechs Monaten maß eine fortgeschrittene MRT-Bildgebung den Wassergehalt im Schilddrüsengewebe (ein indirekter Entzündungsmarker): In der Low-Carb-Gruppe sank dieser Wert signifikant, und in derselben Gruppe gingen auch die Schilddrüsenperoxidase-Antikörper (TPOAb) und Thyreoglobulin-Antikörper (TgAb) zurück. In der Gruppe mit normaler Ernährung zeigte sich bei keinem Messwert eine signifikante Veränderung.

Hier ist eine Unterscheidung wichtig: Die in dieser Studie verwendete "kohlenhydratarme" Diät war möglicherweise moderater als das strenge ketogene Protokoll von KetoDiyetim (20-25 g pro Tag) — die Studie nennt kein exaktes Gramm-Ziel. Dieser Befund sollte also nicht als "Keto heilt Hashimoto" gelesen werden. Die genauere Lesart: Kohlenhydrate deutlich zu reduzieren, muss die Entzündung der Schilddrüse nicht verstärken — in mindestens einer untersuchten Gruppe hat es sie verringert. Das widerspricht dem T3-Befund oben nicht — das eine ist eine Anpassung der Hormonproduktion, das andere ein Immunprozess, und beides kann bei derselben Person gleichzeitig auftreten.

Was solltest du konkret tun?

Grenzen dieser Daten

Die Studie von 1976 ist nach heutigen Maßstäben klein und kurz und wurde mit übergewichtigen Teilnehmern durchgeführt — sie lässt sich nicht unbedingt eins zu eins auf eine normalgewichtige Person übertragen, die langfristig ad libitum Keto macht. Auch die Hashimoto-Studie von 2025 ist eine einzentrige Studie mit 40 Personen — ohne eine größere, multizentrische Wiederholung ist es zu früh, das Ergebnis als gesichert zu betrachten. Keine der beiden Studien erlaubt eine pauschale Schlussfolgerung wie "Keto heilt Schilddrüsenerkrankungen" oder "Keto schädigt die Schilddrüse". Sie zeigen, dass die Kohlenhydratmenge einen messbaren, aber individuell unterschiedlichen Effekt auf die Schilddrüsenphysiologie hat.

Quellen: Spaulding et al., "Effect of caloric restriction and dietary composition on serum T3 and reverse T3 in man", Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism (1976) · Dai et al., "Quantitative Multi-Parameter MRI Evaluation of Hashimoto's Thyroiditis Changes After Dietary Interventions", Medical Science Monitor (2025)

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